Die „Alten“ besitzen enorm viel Stärke !

vom: 18.12.15
Stichworte: Erfahrung Stärken Wissen

Trau keinem über 45!“ – Viele Ältere werden aus den Unternehmen gedrängt, die damit auf Stärken, die an das Alter gebunden sind, verzichten.

 

Das Neue, das Innovative, das Unorthodoxe, das Vorwärtsbringende – man kann es sich offenbar nur faltenlos vorstellen. Gefragt sind Eigenschaften, die man der Jugend zuspricht: mobil, flexibel, belastbar. Deutlich abzulesen an der Besetzung von Topmanagement-Positionen: Immer jüngere Kandidaten. Mitte bis Ende 30. Richtungsgleich die Diagnose auch am anderen Ende der Altersskala: In vielen Unternehmen findet man kaum noch 60jährige.

 

Glaubt man der Publizistik, dann scheint diese Entwicklung gestoppt. Eine Gegenbewegung, ja eine Renaissance des Alters habe eingesetzt. Das verdanke man: … dem Niedergang der New Economy. Plötzlich gilt Erfahrung wieder etwas. Mit jugendlichem Ungestüm lässt sich kein Unternehmen lenken.

 

… der Bevölkerungsentwicklung. Wir werden in Deutschland in den nächsten Jahren jährlich netto mindestens 300000 Menschen vom Arbeitsmarkt verlieren. Das Wachstum etlicher Unternehmen wird dann durch Engpässe auf den Personalmärkten bestimmt.

 

… der „Diversity“ –Diskussion. Dieses (noch!) vorrangig in den USA virulente Thema sieht in möglichst großer (Alters-)Mischung der Mitarbeiterschaft einen Wettbewerbsvorteil. Je heterogener sie sei, desto besser sei die Perspektive des Kunden repräsentiert.

 

…der harten Zeiten: In jenen fernen Tagen, wo man noch seine Produkte verteilen konnte (und nicht verkaufen musste), da war man schon mal offen für das eine oder andere Experiment. Man konnte es sich ja leisten. In Krisenzeiten verlässt man sich auf Bewährtes.

 

Doch die Realität in den Unternehmen sieht anders aus. Wenn gerade wieder eine Entlassungswelle durch das Land schwappt, sind es vorrangig die älteren Manager, die zuerst gehen müssen. Außerdem gibt es da die altbekannten Vorwürfe: Älteren wird unterstellt, sie sperrten sich gegen Veränderung, seien erstarrt in ihrer Alltagshypnose, gesundheitlich labil, erfahrungshörig. – Aber ist Erfahrung etwas Schlechtes? Zudem sei ihr Wissen oft veraltet. – Aber ist nicht all unser Wissen veraltet? In manchen Branchen veraltet Wissen so schnell, dass es auch die Jüngsten im Quartalsabstand trifft. Ältere wollen ihr Leben nicht mehr vollständig in den Dienst der Firma stellen. Aber ist zu große Nähe nicht kontraproduktiv? „From a distance“ sieht man besser.

 

Die Denkgeschwindigkeit lasse im Alter nach. Aber ist das ein Nachteil? In gewissen Situationen sicherlich. Aber ebenso gilt: Schnelle Menschen denken nicht. Die urteilen bloß. Und Schnelle sind mit Sicherheit nicht kreativ. Zudem gibt es Stärken, die in besonderem Maß an das Alter gebunden sind:

 

  1. Ältere sind souveräner bei Komplexität. Je unübersichtlicher die Sachverhalte, desto zielführender ihre Fähigkeit zur Priorisierung.
  2. Ältere sind in geringerem Maße eigenbetroffen. In belastenden Situationen ist ihre milde Resigniertheit eine Stärke.
  3. Sie haben tendenziell eine höhere Toleranz gegenüber Unterschieden. Sie erkennen verschiedene Arbeitsstile und unterschiedliche Wege zum Ziel an.
  4. Besonders eindrucksvoll ist vielfach ihre Handlungsökonomie. Sie erreichen ihre Ziele in der Regel mit weit geringerem Aufwand, als Jüngere das tun.
  5. Ihre Selbsteinschätzung ist realistischer. Gezeichnet von so manchen Enttäuschungen haben sie sich meist von Grandiositätsphantasien verabschiedet. Sie wissen um ihre Fähigkeiten, was sie können – und was nicht.
  6. Auch ihr Entscheidungsverhalten ist realistischer. Sie wissen – spüren es zumindest – dass die Welt voll Paradoxien und Widersprüchlichkeiten steckt. Und dass zu einer „richtigen“ Entscheidung eine gehörige Maß Glück gehört.
  7. Sie haben mehr Sinn für das Machbare. Möglichkeiten und Grenzen dessen, was in Organisation umzusetzen ist, sind ihnen vertraut. Sie schauen pragmatisch auf das, was unter dieses Umständen möglich ist.
  8. Geringere Belastung durch Privates: Die Kinder sind meist flügge, das Haus gebaut. Auch der Partner hat sich in milder Nachsicht eingerichtet. Das hält den Rücken frei.
  9. Ältere können häufig auf ein gut funktionierendes Netzwerk zurückgreifen. Das erleichtert vieles, macht schnell und hat unbürokratische Vorteile.
  10. Man mag Teams mögen oder nicht: Die Fähigkeit, in Teams ebenso rücksichtsvoll wie entschieden zu arbeiten, ist mit 45 signifikant häufiger zu finden als mit 30.

 

 

Der Londoner Neurobiologe John Skoyles hat 1999 eine Arbeit über Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns publiziert. Das außerordentliche Größenwachstum des Gehirns, das in der Entwicklungsgeschichte des Menschen um das Dreifache zunahm, steht danach in direktem Zusammenhang mit der Zunahme individuellen Wissens. Frappierend der Zusammenhang zwischen Wissensumfang und Lebenszeit: Je größer das brauchbare Erfahrungswissen, desto länger das Leben.

 

Skoyles kommt zu dem Schluss, dass diese „expertise capacity“ zu deutlichen Lebensvorteilen führe. Sie reift in fast allen Kulturen unserer Erde erst im Alter von 40 Jahren zu wahrer Meisterschaft heran. In besonderen Maße gelte das – hört! Hört! - für die soziale Techniken der Steuerung größerer Gruppen. Die Leitung von Gemeinschaften ist über Jahrtausende hinweg eine Aufgabe, die man nur älteren Mitgliedern zutraut.

 

Setzen wir bei der Führung zu jung an? Jeder Praktikant weiß: Es braucht Jahre, bis jemand in der Lage ist, für ein betriebliches Umfeld als Führungskraft wirklich wertvoll zu werden. Natürlich, die schnelle Wirkung ist mit Schaulaufen und hektischem Aktionismus schnell erzielt. Aber wie steht es um die Dauer? Da sehen die Jungen oft ganz schön alt aus.

 

Ein Unternehmen, das das Alter nicht als Alter ehrt, hat immense Nachteile. Das für komplexe Kooperationsbeziehungen notwendige Vertrauen wird man in einer solchen Organisation nicht finden. Zudem ist man zunehmend skeptischer geworden, ob das karriereorientierte „window dressing“ junger MBA-Job-Hopper grundsätzlich richtungsgleich mit den Überlebensinteressen des Unternehmens ist. Sehr häufig erlebt man: Das Gegenteil ist der Fall. Doch hätte man dies selbst alles auch vor 20 Jahren schon gesagt?

 

Quelle: salesBusiness